PROMOTION: Doktortitel - keine Garantie für beruflichen Erfolg
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PROMOTION
Doktortitel - keine Garantie für beruflichen Erfolg
Dr. Oetker, Dr. Pierer, Dr. Best
In manchen Branchen ist der Doktortitel Standard, in anderen eher hübsches Beiwerk. Nicht immer schindet er bei Personalchefs Eindruck.
Der Doktortitel schmückt - auch diese Herren. Einer der berühmtesten Titelträger ist Dr.Oetker, Herr über Wackelpuddings und Backmischungen. Als Kämpfer wider Zahnstein und Karies hat sich Dr. Best als Deutschlands bekanntester Dentist einen Namen gemacht. Einer von vielen promovierten Akademikern im Management deutscher Unternehmen ist Dr. Heinrich von Pierer, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG.
Zwei Bewerbungen, zwei Stellenangebote - das nennt man Traumquote. Bei Nicole Neckermann klappte der Berufseinstieg wie am Schnürchen: Noch bevor sie die Promotion beendet hatte, winkte der Traineejob bei einem großen Dienstleister in der Telekommunikation*****ranche. Ihr Ziel ist eine Tätigkeit in der Personalentwicklung. Ein ungewöhnlicher Lebenslauf hatte die Neugier der Personalabteilung geweckt: Nicole Neckermann studierte Deutsch und Geschichte auf Lehramt, konnte sich aber nie vorstellen, "mein ganzes Berufsleben in einer Schule zu verbringen". Deshalb gründete sie nebenher eine Firma für Computerschulungen und finanzierte damit ihr Studium und die Promotion.
Anfangsgehalt mit und ohne Doktor
Abschluss ohne Dr. mit Dr.
Diplom-Chemiker 43.100 EUR 47.000 EUR
Diplom-Informatiker 41.300 EUR 47.000 EUR
Juristen 38.800 EUR 42.900 EUR
Diplom-Physiker 38.800 EUR 42.900 EUR
Diplom-Ingenieure 36.500 EUR 41.800 EUR
Diplom-Kaufleute 36.000 EUR 41.800 EUR
Diplom-Mathematiker 35.500 EUR 39.300 EUR
Diplom-Volkswirte 32.400 EUR 38.300 EUR
Diplom-Psychologen 31.400 EUR 34.700 EUR
Quelle: Kienbaum
Ihre Linguistik-Dissertation schrieb die 29-Jährige über sprachliche Anforderungen an Bedienungsanleitungen. "Ich wollte ein fachübergreifendes Thema mit starkem Praxi*****ezug, das sich sinnvoll umsetzen lässt", sagt sie. Das half beim Berufseinstieg. Im Assessment-Center war Nicole Neckermann die einzige Geisteswissenschaftlerin unter lauter Betriebswirten, Psychologen und Ingenieuren. Die Promotion sieht sie als Pluspunkt. "Nach dem Trainee-Programm dürfte der Titel sich auch finanziell auszahlen", so die Berlinerin. Nach einer Studie des Instituts für Wissenschaft*****eratung kann der kleine Unterschied zwischen "Dipl."und "Dr." auf der Visitenkarte bares Geld bedeuten: Der Einkommensvorteil promovierter Akademiker mache im Laufe des Berufslebens bis zu einer Million Mark aus. "Der Doktortitel ist Karrierehelfer für Angestellte und Aushängeschild für Selbstständige", fasst Leiter Frank Grätz die Ergebnisse zusammen. Schon als Berufseinsteiger verdienten promovierte Ingenieure deutlich mehr, und auch bei Freiberuflern schnellten die Umsatzzahlen nach oben. Die Promotion sei "keine Garantie für Karriere, aber wer Karriere gemacht hat, ist häufiger promoviert", so Grätz.
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In der Wirtschaft zählen vor allem Machertypen
Das zeigt auch ein Blick in die Vorstandsetagen großer Unternehmen: So untersuchte die Personalberatung Heidrick & Struggles Mülder & Partner die Karrieren von Top-Managern großer Unternehmen. Telekom-Chef Dr. Ron Sommer ist kein Einzelfall: Mehr als jeder Dritte promoviert. Und fast alle sind auch nachträglich davon überzeugt, dass der Zeitaufwand sich gelohnt hat - schon wegen der Fähigkeiten zu analytischem, effizientem und organisiertem Arbeiten. Auch Analysen des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) und der Personalberatung Kienbaum zeigen, dass Doktoren in der Privatwirtschaft oft einen Tausender pro Monat mehr einstreichen, ob als Mathematiker, Psychologe oder Volkswirt. Doch die Gegenrechnung lässt den Vorteil schrumpfen: Fünf Jahre Promotion bedeuten häufig auch fünf Jahre Einkommensausfall. Ohnedies dürften die meisten promovierten Absolventen die Berufseinstiegschancen zunächst mehr interessieren als die Einkommenshöhe. Rund 25 000 Doktoren entlassen die deutschen Universitäten jedes Jahr. Doch bei der Stellensuche verspricht der mühsam erworbene Titel nicht zwangsläufig Vorteile. Für Personalchefs spielen die zwei Buchstaben vor dem Namen oft nur eine Nebenrolle -sie entscheiden vornehmlich nach "harten "Kriterien wie Praxiserfahrung, Fachwissen, Noten und Alter, zudem nach der Persönlichkeit der Bewerber.
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Hohes Einstiegsalter kann die Karriere behindern
Wie das Doktoranden-Netzwerk Thesis bei einer Umfrage unter Personalreferenten von Unternehmen aller Branchen herausfand, haben Promovierte in der Wirtschaft ein klares Image: Die Firmen preisen zwar ihre analytischen Fähigkeiten, Verantwortung*****ereitschaft, Belastbarkeit und Präsentationskompetenz. Aber in puncto Teamfähigkeit, Interdisziplinarität, Zeit- und Projektmanagement schneiden sie schlechter ab als Nicht-Doktoren. "Promovierte werden häufig als Einzelkämpfer bezeichnet, die zu Alleingängen neigen", heißt es in der Studie. Und: Sie selbst schätzen ihren "Marktwert" zu hoch ein - Macher-Typen sind in der Wirtschaft mehr gefragt als Denker mit profunden Theoriekenntnissen. Wer eine Hochschullaufbahn anstrebt, kommt an der Promotion nicht vorbei. Außerhalb der Uni hängt es stark vom Fach ab, ob sich die Mühe lohnt. Für Mediziner ist die Frage recht leicht zu beantworten -der "Dr." gehört zum Arzt einfach dazu. Nur 30 Prozent der Zahn- und 40 Prozent der Humanmediziner verzichten darauf. Ähnlich ist die Lage bei Chemikern: Die Industrie schickt sie vorzugsweise in die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen und erwartet selbstständiges Arbeiten. In den Geistes- und Sozialwissenschaften promoviert dagegen nur jeder Fünfte, bei den Wirtschaftswissenschaftlern sogar nur jeder Zwölfte.
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Bei Medien und Verlagen gelten Doktoranden oft als überqualifiziert
In den Naturwissenschaften gilt die Promotion zwar als hartes Qualifikationsmerkmal. Doch stets droht das Risiko, dass Experimente nicht gelingen und Doktoranden einen zweiten Anlauf brauchen - was die Dissertation natürlich verzögert. Ihr im Vergleich zu anderen Bewerbern höheres Alter macht Promovierten auf Stellensuche ohnehin zu schaffen. "Mit 32 oder 33 Jahren kann der Einstieg schwierig werden, vor allem wenn es an Berufserfahrung fehlt", warnt Hermann Decker, Leiter des Hochschulteams beim Arbeitsamt Köln. Denn Unternehmen argwöhnen oft, dass die Promotion lediglich als Strohhalm für gescheiterte Bewerber dient. "Wer promoviert oder ein Zweitstudium beginnt, weil er nach dem Examen keinen Job in der Tasche hat, verlängert nur die Problemsituation", sagt Norbert Wangnick, Personalberater bei der Kölner Access GmbH. Am wenigsten Ehrfurcht vor dem Titel zeigten bei der Thesis-Untersuchung Medien und Verlage, die Bewerber mit viel Praxiserfahrung suchen. Frischgebackene Doktoren der Geistes- und Sozialwissenschaften blitzen oft ab - weil sie zu alt sind, als "überqualifiziert" gelten oder sich stark auf berufsferne Theoriethemen spezialisiert haben. Ihre Chancen in der Wirtschaft verbessern Doktoranden, wenn sie ein praxisnahes Thema wählen und früh Kontakte zu Unternehmen knüpfen. Ähnlich wie bei Diplomarbeiten kommt auch bei der Dissertation die direkte Kooperation mit einer Firma in Betracht, die sich vom Thema Nutzen verspricht. Durch eine Halbtagsstelle etwa können Doktoranden die Promotion finanzieren und zugleich den Berufseinstieg vorbereiten.
Berufseinsteigerin Nicole Neckermann rät zudem, schon während des Studiums "auf eigene Faust Praxi*****ezüge zu suchen", um später unter Massen von Bewerbern herauszuragen. "Mir war die Uni allein zu öde", sagt sie. "Macht man nebenher einen spannenden Job, zeigen Personalchefs meist Verständnis, wenn Studium und Promotion ein wenig länger dauern."
